Es ist mal wieder soweit: ich muss mir meine Fassungslosigkeit von der Seele schreiben. Es geht darum, zu erklären, warum der gestrige Vortrag von Niels Birbaumer an der Uni Freiburg vollkommen daneben war.

Dazu zuerst zum Hintergrund der gestrigen Veranstaltung und der dort vortragenden Person. Die Ringvorlesung „Wege zur Erforschung des Gehirns“, organisiert durch die Professoren Ad Aertsen und Stefan Rotter vom Bernstein Center der Universität Freiburg erfreut sich seit Jahren großer Beliebtheit. Sie lockt vor allem ein breites Publikum von außerhalb der universitären Reihen an. Man findet dort eine große Anzahl von Besuchern, die sich erhoffen, spannende Einblicke in die Gehirnforschung zu erhalten. Einen solchen zu vermitteln gelingt auch den meisten Gastredner, die überwiegend hochdekorierte Neurowissenschaftler sind.

Der gestrige Vortragende, Niels Birbaumer, arbeitet seit Jahrzehnten daran, die Hirnaktivität von so genannten „Locked-In“ Patienten zu messen und daraus ihre Gefühlszustände und Wünsche abzuleiten, kurz: er will Gedanken lesen.

Vor etwas mehr als zwei Jahren kam dann Kritik an seinen wissenschaftlichen Methoden und Schlussfolgerungen auf, was Anfang 2019 in einem Enthüllungsartikel der SZ kulminierte. Daraufhin haben sowohl die DFG als auch die Uni Tübingen (an der Birbaumer tätig ist) unabhängige Untersuchungsverfahren eingeleitet. Beide Kommissionen kamen dabei zu dem Schluss, dass Birbaumers Team schweres wissenschaftliches Fehlverhalten an den Tag gelegt habe. Die DFG entschloss sich daraufhin Birbaumer und einem seiner Mitarbeiter, Ujwal Chaudhary, alle DFG-Geldmittel zu entziehen und beide – zumindest in den kommenden paar Jahren – von einer weiteren Antragsstellung auszuschließen. In der Pressemitteilung der Uni Tübingen zu dem Fall, erfährt man dann noch mehr Details über die Vergehen, die beiden Forschern vorgeworfen werden. Im Laufe dieses Artikels werde ich auf ein paar davon noch näher eingehen.

Aber nun zum gestrigen Abend und zunächst dazu, dass bereits die einleitenden Worte von Ad Aertsen, einem der beiden Veranstalter der Vorlesungsreihe, völlig daneben waren. Aertsen stellt Birbaumer als renommierten Wissenschaftler vor und erwähnt nebenbei dass es Leute gibt, die bezüglich seiner wissenschaftlichen Arbeit finden „er hätte da was falsch gerechnet“. Das ist nicht nur untertrieben sondern trifft höchstens einen kleinen Kern der im Raum stehenden Vorwürfe. Viel wichtiger ist in meinen Augen jener Vorwurf, der in der Stellungnahme aus Tübingen auch gleich als Punkt 1 angeführt wird. Laut Aussagen mehrerer Mitarbeiter von Birbaumer, würde dieser aus großen Datensätzen, die im gesamten keine Aussagen erlauben, in völlig undurchsichtiger Weise Daten auswählen und andere Daten ausschließen, um seine Schlussfolgerungen zu ermöglichen. Würde es sich hier nur um „Rechenfehler“ handeln, könnte man ja noch annehmen Ad Aertsen hätte diese Kritik geprüft und selber als nicht zutreffend empfunden. Es liegt aber in der Natur des Vorwurfs der selektiven Datenauswahl, dass auch ein kompetenter Fachkollege, der Ad Aertsen gewiss ist, nicht beurteilen kann, ob diese Kritik zutreffend ist. Dazu müsste er schließlich dabei gewesen sein oder zumindest Zugriff auf umfassende Rohdaten haben, die laut Kommissionsbericht aber nicht zugänglich bzw. unvollständig sind (siehe Punkt 2 und 3 der Tübinger Stellungnahme).

Birbaumer schießt dann in seinem Vortrag gleich ganze Vögelschwärme ab. Relativ schnell wird klar, dass er entweder nicht in der Lage ist, oder überhaupt kein Interesse hat, inhaltlich auf die vorgebrachte Kritik einzugehen. Stattdessen scheint er ein gewohntes Programm abzuspielen in dem er erklärt, wie er vollständig gelähmten Patienten eine Stimme verleiht. Dabei bezieht er sich in weiten Teilen auf einen Artikel seines Teams, der 2017 in PLoS Biology erschienen ist. Dass dieser Artikel mittlerweile zurückgezogen wurde, erwähnt er dabei keineswegs. Das Zurückziehen dieser Publikation erfolgte auf Initiative der Uni Tübingen, nachdem die dort eingerichtete Expertenkommission die darin beschriebenen Resultate nicht nachvollziehen konnten.

Um die Brisanz der ganzen Situation noch ein wenig zu erläutern, sei noch erklärt mit welchen Fragen sich Birbaumer und vermeintlicherweise seine Patienten so beschäftigen. Hier geht es nicht um die Frage, ob der Fernseher laufen soll und wenn ja, auf welchem Kanal. Es geht um nicht viel geringere Fragen, als jene nach dem prinzipiellen Wunsch weiterzuleben oder eben nicht. Dabei wird in Birbaumers Vortrag auch schnell klar, wie respektlos er mit all jenen moralischen Urteilen umgeht, die nicht seinen eigenen entsprechen. Im Zusammenhang mit aktiver Sterbehilfe beispielsweise redet er über „die Schweiz, die sehr liberal umgeht mit diesem Unfug“. Und immer wieder wird im Nebensatz über diese „unsinnige“ und „bösartige“ Kritik an seiner Arbeit geredet, ohne aber fachlich darauf einzugehen.

Um Missverständnissen vorzubeugen möchte ich ein paar Punkte klarstellen: es geht mir hier nicht darum, jemanden vorzuverurteilen und/oder mundtot zu machen. Ich will mir persönlich kein abschließendes Urteil über etwaiges Fehlverhalten von Birbaumer und seinem Team erlauben; ein solches wird man hoffentlich nach weiterer intensiver Überprüfung durch Experten und Befragung seiner MitarbeiterInnen irgendwann fällen können. Die Vorwürfe, die im Raum stehen sind aber gewichtig und vielfältig. Es geht hier eben nicht um einen shitstorm, online gezwitschert von ein paar Leuten, die sich in der Materie nicht auskennen. Dennoch, oder eher genau deswegen, fände ich es sehr wichtig, dass Herr Birbaumer und sein Team öffentlich und vor einem Fachpublikum zu den Vorwürfen Stellung nimmt. Eine seriöse Haltung von Birbaumer zu den Vorwürfen, das Angebot der totalen Offenlegung der Daten und eine Diskussion unter Fachleuten zu den Anschuldigungen würde ich sehr begrüßen.

Völlig inakzeptabel ist es hingegen Birbaumer im Namen der Universität Freiburg vor einem großen Publikum aus interessierter Öffentlichkeit auftreten zu lassen, ohne seine Arbeiten in den ernsten Kontext zu setzen in den sie gehören. Ihm stattdessen eine Bühne zu bieten auf der er fachfremden Zuhörern genau jene Erkenntisse präsentiert, für die er in der Kritik steht, ist absolut fahrlässig. Für viele HörerInnen erschien dieser Vortrag gestern gewiss wie eine Demonstration von Techniken die in nicht allzu ferner Zukunft dazu dienen wird, „Locked-In“ Patienten zur Kommunikation mit Angehörigen zu verhelfen. Es gibt genügend Zweifel daran, dass dies den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht, dass diese Zweifel zunächst abschließend geklärt werden sollten. Bis dahin ist es absolut unverantwortlich diese Sicht als wissenschaftlich untermauert zu präsentieren und schädigt nicht nur dem Ruf der Uni Freiburg sondern der (Neuro)wissenschaft im Allgemeinen.

 

 

Comments   

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Hab den Fall Birbaumer verfolgt und finde es erschreckend wie innerhalb der Wissenschaft darauf reagiert wird (bzw. dass eben nicht reagiert wird und weiter gemacht wird als sei nichts passiert). Sehr guter Artikel!
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